Rhythmisch klangvoll fegt der Sturm hier
die Zeilen entlang. Nur Rilkes Bild vom „Vers im Psalter“
ist uns heute fremd. Gut 100 Jahre nach Niederschrift des Gedichtes erinnern
wir uns kaum noch an biblische Zeiten, wenn wir eine Sturmlandschaft sehen.
Längst wissen wir, dass unsere Stürme und Flutkatastrophen selbstverschuldet
sind. Beim Gestalten und Umgestalten der Natur arbeitet der alttestamentliche
Psalter-Gott nicht mehr alleine. Wir haben ihm einen Teil seiner Arbeit
abgenommen. Die Wetterkapriolen häufen sich. Sie stellen viele Sicherheiten
in Frage. Der Wald und unsere Zeit wird umgestaltet.2001 gestaltet der Sturm Lothar die deutschen
Wälder um. Überall ausgestreute Mikadospiele: auch die kräftigen
Stämme nicht nur die kranken liegen da . Der Name Lothar ist mittelhochdeutsch
und heißt frei übersetzt: „lautes Heer“. Und tatsächlich
sehen die Wälder wie Schlachtfelder aus, über die ein lautes
Heer dröhnte und kräftige Krieger hinter sich liegen ließ.
Auch am Neckarufer bei Marbach liegen einige schwere Baumstämme auf
den Wiesen, als Folmer dorthin zum Bildhauersymposium eingeladen wird.
Die herumliegenden Baumstämme sprechen ihn an, mit ihnen will er
arbeiten, sie gestalten, er weiß noch nicht wie. Zeichne einen Baum,
zeichne einen Menschen. Kaum ausgesprochen entstehen Bilder in unseren
Köpfen. Aber die Bäume und die Menschen stehen, in unseren Köpfen
und auf unseren Bildern stehen sie. Wer beschäftigt sich schon mit
den Liegenden? Manchmal aber liegen sie auch, die Menschen und die Bäume:
bei Krankheit, Tod und Geburt. Dann werden sie umgestaltet. Menschen liegen
auch beim Lieben. Der Liebes-Sturm, ein Umgestalter. In seiner Kindheit war Folmer viel mit dem
Beil unterwegs. Er streunte mit seinen Geschwistern und anderen Kindern
am Grenzfluss zu Frankreich herum und fällte junge Akazien. Die Kinder
bauten daraus Baumhäuser und wehrhafte Burgen. Sie schätzten
den geraden Wuchs der Akazien, die astlosen Stämme waren gutes Baumaterial.
Von zu Hause kannte Folmer nichts anderes, sein Elternhaus wurde jahrelang
umgebaut, war immer eine Baustelle.
Bäume, ein gutes Baumaterial. Ja, aber nicht nur das. Folmer hatte
durchaus auch Sinn für die lebenden Bäume. Im Wald stellte er
sich gerne nahe an sie heran, spürte mit der Hand ihre Rinde oder
umarmte sie, um eine Weile die aufsteigende Lebenskraft zu fühlen.
Er sah auch kranke Bäume mit freigelegten Rinden und entdeckte die
Fraßspuren der Larven von Borkenkäfern. Diese Futterwege der
kleinen Tiere faszinierten Folmer als Zeichnungen. Später fotografierte
er sie, machte Frottagen und Drucke davon. Solche Borkenkäfer - Zeichnungen sieht
Folmer nun auch in Marbach auf den liegenden Stämmen. Und so fängt
es an. Folmer entschließt sich, diesmal selbst auf den Stämmen
zu zeichnen. Dazu muss er zunächst die Rinde entfernen, um dahin
zu kommen, wo es auch den Larven am besten gefällt, wo der Stamm
schön weich und glatt ist. Folmer stößt, hebelt und zieht
die Rinde weg. Zuerst legt er nur kleine Stellen frei und schneidet die
ersten Zeichnungen in den Stamm. Bald geht ihm der Platz aus und er zieht
größere Streifen Rinde ab. Die kahlen Stämme und daneben
die Rinde: das liegt jetzt da wie geschälte Früchte auf einem
Küchentisch. Das Messer gleitet weiter dahin, gestaltet immer neue
Zeichnungen. Ein gefundenes Fressen, so viel Platz für Holzschnitte.
Die Bildideen fließen aus ihm heraus, als habe er einen Bleistift
in der Hand. Dann will Folmer die Holzschnitte abdrucken, stößt auf Schwierigkeiten,
denn die gewölbte, bucklige Oberfläche lässt sich nicht
so einfach abwalzen. Das Papier reißt. Er gibt nicht auf, entwickelt
neue Techniken mit speziellem angefeuchtetem Papier. Es klappt.Die Holzschnitte
sind als Drucke gesichert. Da zögert Folmer nicht, die Zeichnungen
vom Stamm zu schälen. Der Stamm wird um einen Jahresring dünner
und Folmer hat wieder Platz für neue Holzschnitte. Der Vorgang wird
sich noch ein paar Mal wiederholen: mehr und mehr Holzschnitte auf immer
dünner werdenden Stämmen.
Der Umgang mit Baumstämmen bekommt seit Marbach einen großen
Stellenwert in Folmers Werk. Schon zuvor entwickelte er eine Vorliebe
zur Projektarbeit. Eine Einteilung der kü
nstlerischen Schaffensphasen
nach Orten war bei Folmer seit jeher sinnfällig. Immer wieder arbeitete
er an unterschiedlichen Orten intensiv bis exzessiv ein paar Wochen oder
Monate lang. Folmer lässt gerne zu, dass seine Arbeit von äußeren
Gegebenheiten beeinflusst wird. Seine weiteren Baumarbeiten sind immer
V
Betrachter von Folmers Baumstämmen fragen immer wieder, ob diese
nicht später aufgestellt würden. Aber nein, sie bleiben liegen.
Der Künstler mag den Widerstand und die Statik des liegenden Kolosses.
Gleichwertig liegen die Motive nebeneinander, sie können von links
nach rechts und umgekehrt gelesen werden. Man kann aber auch unvermittelt
über den Stamm steigen und auf der anderen Seite weiterlesen. Dem
Liegenden nähert man sich anders: man lässt sich anstecken von
der Ruhe, man sucht keine Konfrontation, keine Konkurrenz wie zu etwas
Gegenüberstehendem. Behutsam und fragend nähert man sich Liegenden,
wie man an das Bett eines Menschen tritt, um sich nach dem Befinden zu
erkundigen. Man bückt sich vielleicht, aber nicht untertänig,
sondern eher forschenden Sinnes. Ein Gespür entsteht für die
unausgesprochenen und die unaussprechbaren Dinge. Kein Baum wurde je für Folmer gefällt.
Er bekam die vom Sturm gefällten, die vom Förster aussortierten,
die unbrauchbaren, die vom Borkenkäfer zerfressenen Bäume. Oder
er bekam den Baum, der die Grundfesten eines Hauses bedrohte und schließlich
weichen musste. Keine Siegerbäume also. Folmer erhebt ihr Liegen
auf kleine Pflöcke. Er begleitet ihr Sterben, er entkleidet sie,
befreit sie von der Rinde, er beschleunigt ihre Auflösung und gibt
ihnen doch etwas Zeit und Beachtung zurück. Folmer gestaltet das,
was er vorfindet. Er geht auf Angebote ein. Dass es gerade aussortierte
Baumstämme sind, dem misst er keine übermäßige Bedeutung
zu. Er sieht sich weder als Umweltapostel noch als Samariter oder Weltverbesserer.
Und doch ist es kein Zufall, dass Folmer ausgerechnet nach diesen vom
Sturm bezwungenen Bäumen greift. Als aufmerksamer Beobachter des
Weltgeschehens ist er betroffen von den verschiedensten stürmischen
und katastrophalen Veränderungen, dem Verlust von Sicherheiten und
unberührter Natur. Der Bestand der Natur ist heute ebenso gefährdet
wie persönliche Anschaffungen: ob eine Flutkatastrophe das neu gebaute
Haus zerstört oder ein Computervirus das Betriebssystem angreift.
Wer neue Krankheitsviren besiegen will, jagt einem Phantom nach, da sie
sich verändern, ihre Formen, ihr Verhalten und ihre Angriffstechniken.
Ähnlich aussichtslos scheint der Kampf gegen Terroristen. Die Bombe
kann überall losgehen, jeder kann betroffen sein. Rückzug ist
kaum möglich. Elfenbeintürme gibt es nicht mehr. Folmers Betroffenheit spiegelt sich in seiner
Bilderwelt. Figuren hängen kopfüber an dünnen Fäden.
Die Sonne und ein Baum sind notdürftig aus Dachlatten gezimmert.
Auf einem Auto reitet ein Dreirad. Die langen Ohren des Hasen schweben
abgesägt über ihm. Der Hund hat sich das Maul mit hot dog vollgestopft.
Auf dem Tisch brennt eine Grasnarbe. Skurrile Traumpoesie, in der das
Heitere dem Alpdruck Parole bieten kann und das Komische dem Tragischen
den Wind aus den Segeln nimmtStürme des Unbewussten drängen
in Folmers Bilder. Sie rütteln an Sehgewohnheiten und scheinbar fest
Gefügtem. Verwehte Teile und Figuren finden sich zu neuen Ordnungen,
denen Folmer eine eigene Gesetzmäßigkeit gibt. Stürme
von Ideen jagen durch seine Hand auf die Stämme: eine sprudelnde
Fantasie, die sich einer kindlichen
Darstellungsweise bedient. Mit holzschnittartiger Vereinfachung sucht
er das Lebensgefühl in einer immer komplizierter werdenden Welt zu
fassen. Primitive Figuren werden in komplexe Zusammenhänge gestellt.
Die Wiederkehr der mutierten Figuren, die Mühelosigkeit und Leichtigkeit
der Bildfindungen entpuppt sich als Virtuosität. Das Leichte der
Bilderwelt findet sich auf der Schwere der Stämme. Das Leichte ist
schwer.